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Sommerregen prasselt auf das Dach der riesigen Scheune im Gutshof von Woldzegarten. Unter dem trockenen Gebälk in ihrem Inneren ein erwartungsvolles Publikum im Sonntagsstaat. Auf der Bühne haben die Musiker des Müritzer Streichquartetts ihre Instrumente gestimmt. Bernd Seite hat sie eingeladen. Er geht herum und schüttelt Hände.
Das »Hamsterrad« zerstört
Viele der Anwesenden scheint er zu kennen, mich nicht. Trotzdem gibt er mir bereitwillig Auskunft, freilich nicht ohne ein leichtes Grinsen, als ich ihm mitteile, dass ich für »horizonte« schreibe. Ich grinse auch. Aber ich denke, Partei hin, Partei her, was uns sicher verbindet, ist die Liebe zum Schreiben. »Literatur ist natürlich auch«, meint Bernd Seite, »ein Stück preiszugeben von einem selbst mit jeder Zeile, mit jedem Buch, sich ein Stück zu öffnen, authentisch sein.« Das »Hamsterrad« seines früheren Lebens hat er »zerstört«, wie er sagt. »Ich hab teilweise auch Rollen spielen müssen, die einfach der vorgegebenen Parteilinie entsprachen, sonst wären meine Parteifreunde in der Fraktion oder im Vorstand nicht glücklich gewesen. Also da müssen Sie sich schon einem ganz bestimmten Rollenspiel unterwerfen und das hat mich natürlich auch belastet.« Es klingt nicht zornig, eher erleichtert. »Ich habe meinen dritten Lebensabschnitt begonnen, 1998, als ich die Wahl verlor. Da hab ich mir gesagt, ich mach jetzt noch mal was ganz anderes. Gehe also aus der Politik raus, ganz konsequent. Ich hab mich an der Uni in Rostock eingeschrieben, bin da Gasthöhrer seit 1998 für Philosophie und Literatur. Und schreiben wollt ich schon immer.«
»Es geht um meine Frau und mich«
Seither sind bereits mehrere Bücher von Bernd Seite erschienen, angefüllt mit Lyrik und Erzähltem wie in seinem neuen Band »Strandgut«: Ein Sammelsurium von geistig wie seelisch Angespültem und Aufgewühltem, das er während eines sechswöchigen Aufenthaltes auf der Ostseeinsel Bornholm zu Worten formte. Illustriert hat es sein Freund, der Grafiker Peter Bretschneider. Ein »Inseltagebuch« zusammengesetzt aus Erinnerungen, Naturbildern, kreisenden Gedanken: »Wie ist das Lebensende? Was ist mit Gott? Wo komm ich her, wo will ich hin? Wie ist die Welt, wie ist der Mensch? Das sind immer wieder diese Fragen, die sich wiederholen und die arbeite ich auch ständig ab.« Das heißt: weiterschreiben. Zur Leipziger Buchmesse im nächsten Frühjahr wird seine autobiografische Erzählung »Schneeengel frieren nicht« erscheinen. Dazu der 68-jährige: »Ich schreib nicht so eine Autobiografie oder politische Bücher wie andere Politiker schreiben: ‹Ich bin dann da gewesen, hab den getroffen.› Das wird auch in dem neuen Buch nicht stattfinden, sondern da geht es vorwiegend um meine Frau und mich in diesen 40 Jahren aufregendem Leben und da ist es nicht wichtig, wer bei mir im Kabinett Minister war, das ist nicht das Entscheidende.« Wichtiger sind ihm die Fragen, die er als Politiker, wie er meint, nicht stellen konnte. Sie sollen auch in einem weiteren Buch zur Sprache kommen, in dem es um seine Stasi-Akte geht, die 15 Aktenordner umfasse. Denn wenn auch nicht mehr Politiker, Bernd Seite sieht sich nach wie vor als politischen Menschen, der sich bereits in der DDR auf seine Weise engagierte.
Die Spuren sind verregnet und verstürmt
Der ehemalige Tierarzt wurde 1974 Mitglied der Synode der evangelischen Landeskirche. »Das war auch noch mal eine Zäsur, da erlebte ich eine ganz andere Welt, die nicht mit der kompatibel war in der DDR. Da hab ich neue Einsichten gewonnen und dann kam der Mauerfall und es war eigentlich notwendig und folgerichtig – wer in Umweltgruppen oder Kirchengruppen tätig war in der DDR, konnte nicht einfach nach Hause gehen und irgendetwas Anderes machen.« Bernd Seite wurde CDU-Mitglied und später, 1992, Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern. Nicht nur da hat er sicherlich seine Spuren hinterlassen, wenn es auch einigen vermutlich so erging, wie seinen Fußabdrücken im Sand von Bornholm: »Meine Spuren von gestern sind verregnet und verstürmt. Der neue Wind ist eisig, auch das Licht kann ihn nicht mildern. Die Wolken tupfen den Himmel zu und der Horizont ist stoffverhangen«, liest Bernd Seite aus seinem »Strandgut« vor, nachdem die Mozartklänge des Streichquartetts verstummt sind. Beim Lesen wechselt er sich ab mit seiner Tochter. Ein harmonisches Bild. Viele seiner Gedanken stoßen die eigenen an. Mitunter klingen seine Worte bitter und sind gepaart mit einer gewissen Hilflosigkeit, so auch, wenn er über den Herbst 1989 schreibt, dessen Ereignisse keine Revolution für ihn waren, sondern schlicht das Aufspringen einer Tür bedeuteten, »und schon Wochen später kam es uns vor, als ob sie nie geschlossen war. Wenn man lange genug lebt, wird man Zeuge, wie Anachronismen sich auflösen.« Und doch bleiben Verhärtungen zurück, die nur allmählich aufzulösen sind: »Vor 19 Jahren fiel die Mauer und an Versöhnung mit den Tätern der Diktatur zu glauben, fällt mir schwer. Heute ist es nicht anders, weil die Menschenverbesserer von damals sich keiner Schuld bewusst sind. Ich weiß nicht, wie ich die Lücke zwischen angeblich nicht vorhandener Schuld und meiner angestrebten Versöhnung schließen soll.«
Wahre Demokraten gehen eigene Wege
Anrührend die Zartheit, die Verletzlichkeit in seinen persönlichsten Momenten, die ich später beim Lesen in seinem Buch entdecke: »Auf der letzten gemeinsamen Reise sagte meine Frau – und ein Schmerz fuhr durch meinen Körper und eine tiefe Traurigkeit schuf sich Raum – ich bin doch schon so alt und kann nicht mehr so schnell laufen. Da wusste ich endgültig, dass ich mehr auf sie achten musste, um Schaden von ihr fernzuhalten.« Draußen hat der Regen aufgehört. Die Lesung endet mit einem schlichtem: »Danke, dass Sie uns zugehört haben!«, Geigenspiel und dem freundlichen Applaus des Publikums. Ein Satz, und mir sympathischer Gedanke, klingt in meinem Innern nach: »Wilde Seevögel und Katzen sind wahre Demokraten; sie gehen ihre eigenen Wege, wenn sie dürfen.«
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