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Harald Ringstorff wollte kein großer Stratege sein. Er war misstrauisch gegenüber wohlklingenden Konzepten, skeptisch gegenüber allen Überfliegern. Ein vorsichtiger Industrialismus, die gelungene Sicherung der Werften, eine Zukunft für die Häfen, die Autobahn und die Konsolidierung des Landeshaushalts als solide, aber kluge Finanzpolitik: Sparen als aktives Gestalten – das waren die Schwerpunkte seiner politischen Agenda. Die Bundespolitik hat ihn nur insoweit interessiert als Schaden vom Land abzuwenden war. Bei dieser Schadensbegrenzung war er erfolgreicher als öffentlich bemerkt worden ist. Am Wettstreit für die radikalste Forderung für die Ost-West-Angleichung hat er sich nie beteiligt. Regiert hat er mit einigen wenigen, sehr eng Vertrauten eher präsidial. Die Partei und letztlich auch die Fraktion haben ihn dabei nie behindert, aktiv Einfluss genommen auf seine Arbeit haben sie auch nicht. Alle Intriganten, Wichtigtuer und Karrieristen hat er sich souverän vom Hals gehalten. Ein beeindruckender Redner war Ringstorff auch nicht, obwohl er sich Mühe gegeben hat. Die helle Bühne, das Hinreißen der Massen war seine Sache nicht. Dennoch: Ringstorff war ein Großer in der politischen Arena. Er war DDR-Bürger, er hat das keine Sekunde verleugnet. Das hat ihn ausgezeichnet. Sein aufrechter Gang nach Westen, weder geschichtsvergessen gegenüber dem untergegangenen Osten noch liebedienerisch gegenüber dem neuen Westen, sein sichtbares Sich-Mühen auf dem Weg ins unbekannte Neue, das hat ihn den Menschen im Land so nahe gebracht, das ist seine persönliche Leistung, daher kommt sein politisches Gewicht. Zwischen einer CDU, die heute immer noch so auftritt, als hätten ihre Mitglieder nie in der DDR gelebt, geschweige denn dort mitgemacht im Blockparteienzirkus und einer PDS, die mehr oder weniger offen, ihrer verlorenen Macht nachtrauert, hat Ringstorff mit großem Ernst einen eigenen Weg ins Offene gesucht und beschritten. Er hat die Zumutungen des Neuen für seine Ex-DDR-Bürger dabei genauso deutlich gesehen, wie er ihren Kleinmut und ihre Angst vor Veränderung verachtet und gelegentlich scharf angegriffen hat. Übel genommen hat ihm das keiner. Im Gegenteil, diese Haltung hat ihm nur noch mehr Respekt eingebracht. Seine Entscheidung für eine Koalition mit der PDS ist vor diesem Hintergrund betrachtet – nicht anders als später seine Koalition mit der CDU – der ernsthafte Versuch gewesen, beide auf einen unumkehrbaren, aber verantwortbaren Weg zu Demokratie und Freiheit zu zwingen. Ringstorff hat in seiner täglichen Arbeit immer spüren lassen, dass dieses Herauswachsen aus den Prägungen und Bindungen an die untergegangene DDR-Diktatur viel Kraft kostet und nicht abgekürzt werden kann. Er war darauf eingestellt, dass es wohl Generationen brauchen wird, bis eine eigene und selbstbewusste freiheitliche Identität die neuen Länder prägt. Es ist ihm deshalb so schwer gefallen zu gehen, weil diese, seine politische Lebensaufgabe nicht abgeschlossen ist. Für viele ist sein Rückzug schmerzhaft und beunruhigend. Ringstorff, Stolpe und Böhmer – alle drei von durchaus gleichem Holz – haben ihren Eintrag im Geschichtsbuch der Wiedervereinigung wohl verdient.
Dr. Udo Knapp (geb. 1945) arbeitet für den Aufbau Ost im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen.
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